VR – Virtual Racing: Im Simulator ans Limit

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Wo es um Hundertstelsekunden geht, ist jeder Meter wichtig. Deshalb trainieren Rennfahrer die Strecken im Simulator, bis der Verlauf in Fleisch und Blut übergeht. Erlebe eine Sim-Session bei Team Motopark mit.

Durchdrehende Reifen, Motordröhnen und fast 280km/h auf dem Tacho. Das Lenkrad wackelt, die Kurve zieht sich, der Reifen touchiert die Markierung - gerade so, dass es noch zulässig ist. Kein Zentimeter wird dem Zufall überlassen. Später bremsen, stärker beschleunigen, auf den Punkt Schalten. So werden Rennen entschieden. Wir sind im Simulator.

Ohne das virtuelle Training geht im Formelsport, wo der Konkurrenzdruck immer extremer wird, nichts mehr. In den Rennen entscheiden Hundertstelsekunden darüber, ob man in den Top 10 mitfährt oder nicht. Häufig liegen die Rundenzeiten des gesamten Fahrerfeldes innerhalb einer Sekunde. In diesem Bereich ist der vorn, dem die Strecke in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und dies ist nur mit Hilfe des Simulatortrainings möglich.

Wo es um Millisekunden geht, ist der Rat eines Gewinnertypen Gold wert.

Zwei moderne Fahrsimulatoren besitzt Team Motopark in Oschersleben. In dem auf beweglichen Stützen montierten Cockpit vor einer großen, gekrümmten Leinwand absolvieren die Motopark-Piloten regelmäßig Sim-Sessions, insbesondere vor Tests und Rennen. Dass diese akribische Vorbereitung zum Erfolg führt, steht für Andreas Kohler und Tom Dillmann außer Frage.

Kohler ist technischer Direktor bei Team Motopark und bringt als solcher fahrerisches Knowhow und Ingenieurhandwerk auf einen Nenner. Tom Dillmann kennt als Profi-Rennfahrer die Finessen der Strecken wie kein anderer. Der Franzose hat 2016 die Formel V8 3.5 gewonnen. Für die Jungs, die in der europäischen Formel 3 und der deutschen Formel 4 antreten, ist der 28-Jährige ein Idol. Wo es um Millisekunden geht, ist der Rat eines Gewinnertypen Gold wert.

Das Training am Simulator ist vor allem deshalb wichtig, weil die Testzeiten begrenzt sind. Anders als ein Biathlet oder Tennisspieler können Rennfahrer nicht unentwegt auf den Strecken üben, um besser zu werden.

Bevor es in die Sim-Session geht, gibt es eine Einführung im Konferenzraum. Andreas Kohler erläutert Meter für Meter, wann es sinnvoll ist, zu schalten. Wann spätestmöglich gebremst werden sollte. Und wie der Randstreifen genommen werden darf. Orientierung geben Werbebanner, Trucks an der Strecke, Brücken oder Markierungen.

Die Motopark-Piloten, die diesmal in den Simulator steigen, sind der deutsche Keyvan Andres und der Japaner Marino Sato. Beide sind Rookies in der FIA Formula 3 European Championship. Sie hören und sehen aufmerksam zu, schreiben mit. In der Theorie wissen sie jetzt haargenau, wie die perfekte Runde absolviert wird.

Dann geht es in den Simulator. Die beiden Räume liegen direkt nebeneinander. Zuerst steigt Coach Tom Dillmann ins Cockpit. Er macht vor, wie es richtig geht. Kurs ist der Hungaroring bei Budapest. Wann er das letzte Mal dort gefahren ist? „Letztes Jahr. Da habe ich gewonnen“, sagt Dillmann. Er legt eine Zeit vor, an die die beiden Rookies nicht herankommen werden. Per Datenaufzeichnung wird die Fahrt von Tom aufgezeichnet und dient als Referenz für die Fahrer.

Marino und Keyvan sind an der Reihe.

Dimensionen des Cockpits und das Lenkrad gleichen den echten Formel 3-Autos. Die Sitze wurden für Keyvan und Marino zuvor individuell gefertigt. Das Feedback des Lenkrads ist sehr genau, so dass Unter- und Übersteuern deutlich spürbar sind. Fliehkräfte lassen sich zwar nicht simulieren, dennoch ist das Sim-Training keine Spazierfahrt. Mental fordert das Training enorm. Und es gab bereits Fahrer, die sich am Lenkrad Finger gebrochen haben.

Durch eine Scheibe beobachtet Tom Dillmann, wie sich seine Schützlinge machen. Er sieht auf den Bildschirmen, dass Keyvan in seiner ersten Runde zu früh bremst. Marino fährt ins Kiesbett. Stunden später wird das wesentlich besser laufen.

Es wird so lange geübt, bis die Knöpfe instinktiv gedrückt werden. Der Streckenverlauf, besonders die entscheidenden Stellen, werden trainiert, bis sie in Fleisch und Blut übergehen.
Das Rennen kann kommen.